Studienabend im Zentrum "Eckstein" in Baar - 31. März 2016

„Der Einheit entgegen - Geschichte der ökumenischen Bewegung"

Bericht

Der Weg zur Einheit der Kirchen scheint lang und beschwerlich. Doch am Studienaben im Zentrum „Eckstein“ in Baar wurde deutlich, welche Fortschritte die Ökumene in den letzten 150 Jahren gemacht hat – bis hin zur jüngsten ökumenischen Bewegung, dem „Miteinander für Europa“.

Die Anfänge der modernen ökumenischen Bewegung liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, erklärte der reformierte Theologe Peter Dettwiler in seinem Referat: Mit der Gründung der Weltweiten Evangelischen Allianz 1846 und des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) 1855 wurden die ersten „ökumenischen“ Organisationen – noch unter evangelischen Christen aus verschiedenen Denominationen – gegründet. Die Weltmissionskonferenz von 1910 in Edinburgh machte den Wunsch nach einem gemeinsamen Zeugnis der zersplitterten Christenheit sichtbar.

Dogmen trennen, Nächstenliebe eint
In der Bewegung „Glaube und Kirchenverfassung“ wurden theologische Fragen diskutiert: Was trennt uns, was verbindet uns, wie könnte die Einheit aussehen? Die Bewegung für „Praktisches Christentum“ dagegen setzte auf gemeinsame diakonische Aktionen. Dogmen trennen uns, der Dienst am Nächsten eint uns. Diese drei Stränge – Einheit im gemeinsamen Zeugnis, Einheit im Wort, Einheit in der Tat – führten 1948 zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (OeRK). Er vereint heute über 340 Kirchen aus den grossen Konfessionsfamilien: Der protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Welt.
 
Chiara Lubichs Beitrag
Luzia Wehrle arbeitete über 40 Jahre im Weltkirchenrat und lernte in dieser Zeit alle bisherigen Zentralsekretäre kennen. Ihr persönlicher Bericht von den vielen Begegnungen mit Christinnen und Christen aus aller Welt war ein eindrückliches Zeugnis dafür, dass die konkrete Nächstenliebe Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Bekenntnisse baut. Höhepunkte für sie waren Besuche von Chiara Lubich am ökumenischen Zentrum in Genf in den Jahren 1982 und 2002. Ihre „Spiritualität der Einheit“ wird von vielen als sehr hilfreich für die konkrete ökumenische Arbeit verstanden.
 
Katholische Öffnung
Die Römisch-katholische Kirche betrachtete die ökumenische Bewegung lange mit Argwohn und sah den Weg zur Einheit in der Rückkehr zur Mutterkirche. Das Zweite Vatikanische Konzil 1962-1965 brachte die Wende mit der Öffnung für den ökumenischen und den interreligiösen Dialog. Die römisch-katholische Kirche ist zwar nicht Mitglied des OeRK, arbeitet aber in wichtigen Kommissionen mit. Papst Paul VI und Johannes Paul II setzten mit ihren Besuchen 1969 bzw. 1984 am ökumenischen Zentrum in Genf deutliche Zeichen der Verbundenheit. Nicht mehr die Abgrenzung, sondern die Offenheit für die Schätze der anderen Konfessionen sollen den Dialog bestimmten.
 
Neuer ökumenischer Strom: Miteinander
Der OeRK – nicht etwa eine Superkirche, sondern eine Gemeinschaft von Kirchen – war viele Jahre Kristallisationspunkt der internationalen Ökumene. Doch die ökumenische Bewegung ist weiter und umfassender als dass sie in einer Organisation konzentriert werden könnte. 1998 wurde das Global Christian Forum gegründet, um die Begegnung mit Christen aus Kirchen, die nicht dem OeRK angehören, zu fördern, allen voran mit Gläubigen aus den stark wachsenden Pfingstkirchen. Aber auch das Netzwerk „Miteinander“ von christlichen Bewegungen, Gemeinschafen und Kommunitäten verschiedener Konfessionen ist ein Zweig dieser umfassenden ökumenischen Bewegung. Kongress und Kundgebung in München vom 30. Juni bis 2. Juli sind ein deutlicher Ausdruck davon.
 
Gott berührt
Eine Teilnehmerin sagte, dieser Abend hätte ihr gezeigt, wie der Heilige Geist im Laufe der Geschichte immer wieder Menschen berührt habe, um sie für die Einheit zu mobilisieren. „Der Abend hat mir den Blick fürs Ganze geöffnet, aber auch den Blick fürs Kleine, Unscheinbare. Wer weiss, auf was für Wegen, die wir uns nicht vorstellen können, Gott die Menschheit zur Einheit führt.“ (Peter Dettwiler)